Mein Onkel

11. Juni 2010 - 03:20 Uhr | 1 Kommentar

Mein Onkel hat Krebs. Keinen netten Krebs, bösen Krebs, von der Sorte die einen schneller umbringt als man den Wikipedia-Artikel dazu durchlesen kann. Vor kurzem noch ging es auf und ab, Behandlung, Therapie, ein oder zwei Jahre sagten die Ärzte da noch. Sie hatten sich geirrt, jetzt liegt er zuhause, die Behandlung wurde abgebrochen, er wartet auf sein Ende, nach und nach versagen die Organe, im Bein ein Blutgerinnsel, er selbst ist er schon eine Weile nicht mehr. Vielleicht ist das ein Thema das gar nicht in einen Blog gehört, vielleicht sollte man bestimmte Dinge lieber für sich und im Kreise der Familie halten. Was weiß ich. Es ist schon komisch, man hält sich an jedem noch so kleinen Ast der Hoffnung und der Aufschieberei fest, so lange bis es nicht mehr geht. Ein oder zwei Jahre, ach, das ist ja noch eine Weile. Maximal noch 6 Monate, darum kann ich mir ja immernoch später Gedanken machen. Ein paar Wochen, naja, da habe ich ja wenigstens noch Zeit mich erstmal um meine Sachen zu kümmern. Erst jetzt, wo jeder Tag weder gewonnen noch verloren ist, wo Hoffnung keine Rolle mehr spielt und man sich fühlt als wäre man 12 und sitze mit schmerzenden Backenzähnen im Wartezimmer des Zahnarzts, da bröckelt die Mauer der Unterdrückung und die Trauer, die Ängste und die Schmerzen beginnen langsam ins Licht der Realität zu rücken. Langsam zwar, doch die Gewissheit über das, was kommen wird, wird größer und größer, wie Vorfreude, nur andersrum.

Jedes Mal wenn jetzt das Telefon klingelt steht mein Herz für eine Sekunde, und rennt danach den 100 Meter Hürdenlauf, wenn ich stumm lausche wie mein Vater den Hörer abnimmt, und wenn ich hoffe dass es nicht der eine Anruf ist. Nicht so sehr wegen meinem Onkel, eher wegen meinem Vater, und dem was dann kommt, wegen der Zeit die sich nur selbst heilen kann. Seinen Bruder zu verlieren, das kann ich mir nicht mal vorstellen. Mein anderer Onkel fragte, ob es nicht vielleicht besser sei, wir Kinder würden ihn so in Erinnerung behalten wie wir ihn das letzte Mal auf einer Familienfeier sahen, kerngesund, im Genuss des Lebens. Ich sagte nein, ich wolle ihn nochmal sehen, nochmal seine Hand drücken, ob er es merkt oder nicht. Verabschieden, bei ihm, nicht bei seinem Grab. Eigentlich wollte ich ihn noch vieles Fragen, darüber was er von der ganzen Sache hält, wie er dem Tod entgegen tritt, wie seine Sicht, was seine Gedanken sind. Sein durch die Schmerzmittel verschleierter Geist wird mir darauf wohl keine Antworten mehr geben können. Als ich seine Frau anrief, die sich momentan um ihn kümmert, wiederholte sie nur immer wieder wie wirr das alles sei, und wie wenig sie verstehe und einschätzen könne was jetzt komme. Im einen Moment lachte sie, im anderen brach ihre Stimme, zwischendurch Stille, in der ich nach den richtigen Worten suchte, aber nichts fand.

Angst, das wollte ich ihn auch noch fragen, ob er sich fürchte, vor dem was kommen wird. Angst, die habe ich am allermeisten vor dem Moment wenn ich durch die Türe trete und ihn das erste mal sehe, gelb im Gesicht und abgemagert, vor dem Geruch in seinem Zimmer, der Hitze und der Stille, die nur durch sein langsames Atmen durchbrochen wird. All dem was es plötzlich real macht, wenn das Bild nicht mehr nur in meinem Kopf existiert, wo ich es an- und ausschalten kann wie es mir beliebt. Wenn all meine Sinne mir gleichzeitig sagen, und ich zum ersten Mal wirklich fühle statt nur zu wissen, das hier ist echt, das ist dein Onkel, und er stirbt.



    Kommentare:

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  1. Lou meint:


    Oje, dass tut mir leid.
    Der Vater meiner Freundin ist vor einem Jahr an Lungenkrebs gestorben und mein Opa vor ein paar Jahren an Nierenkrebs. Das war eine echt schlimme Zeit. Bei meinem Opa wollte ich unbedingt da sein, als er starb. Ich empfand das als meine letzte Pflicht und Ehrerbietung ihm gegenüber. Er hat mich teilweise aufgezogen und bei ihm hatte ich beispielsweise das Fahrradfahren gelernt.

    Meiner Freundin konnte ich nur wenig helfen. Erst hieß es, dass er nur Rheuma hat und ein paar Wochen später war es Krebs. Zwei Monate später war ihr Vater tot. Jetzt fragt sie sich ständig, wie lange er schon Krebs hatte und wie sehr er vorher im Stillen schon gelitten haben musste. Von Krankenhaus gab es hier auch keine Hilfe. Der sterbende Vater wurde einfach nach Hause zur überforderten Mutter geschickt wo er dann noch zwei Wochen zu jeder Tages und Nachtzeit vor Schmerzen stöhnend im Sterben lag. Es gab keine Begleitung oder Beratung.

    Grundsätzlich würde ich sagen, nimm dir frei und fahr zur Familie nach Hause wenns möglich ist.
    Es gibt auch viele wichtige Dinge zu erledigen und dein Vater und die Tante werden dafür möglicherweise im Todesfall keinen Kopf haben. Wichtig ist beispielsweise die sechs Wochen Frist zu Erbschaftsausschlagung, falls dein Onkel Schulden gehabt haben sollte. Nach sechs Wochen gilt das Erbe automatisch als angenommen, inklusive der Schulden. Das wäre bei meiner Freundin beinahe schief gegangen, weil es einfach keiner wusste.

    Ohren steif halten!


    14. Juni 2010 um 17:14 Uhr | #

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