Who the fuck are you?

31. Januar 2010 - 06:01 Uhr | Kategorie: Gedanken | 1 Kommentar

Aus aktuellem Anlass eine Frage: Können Positionen Menschen verändern?

Mit Positionen meine ich Stellungen, Titel, Posten, all sowas, im Job, im Alltag, in der Schule, auf einem Schiff, in der Politik, überall. In meinem speziellen Fall geht es um den Job. Stellungen haben wir überall, keine Zivilisation kommt ohne sie aus. Der Chef, der Lehrer, der Stammeshäuptling oder das religiöse Oberhaupt, überall gibt es Menschen die vom Rang her über anderen stehen. Manchmal fest im System integriert, durch Titel oder Gesetze, manchmal weniger offensichtlich, durch Geld, Ruhm oder einfach Macht.

Meine Motivation für diesen Text ist folgende, wie manche wissen arbeite ich in einem relativ kleinen StartUp-Unternehmen. Das bedeutet dass die strukturelle Organisation der Positionen noch relativ locker gehandhabt wird, Titel werden auf dem Papier vergeben, sind aber oft nur dazu da um sich per E-Mail Anhang zu profilieren oder um das Xing-Profil hübsch zu gestalten. Mit dem Chef wird wie mit jedem anderen gesprochen, abends gesoffen, und der vermeintliche Unterstellte knipst das Licht auf der Toilette aus sobald man dort sitzt. Mit den wachsenden Aufgaben und den wachsenden Verantwortungen werden irgendwann aber klare Grenzen, Zuständigkeiten und Entscheidungsbefugnisse immer wichtiger, ein Fakt der spätestens mit dem Organigramm im internen Mail-Verteiler unterstrichen wird. Der Sinn dahinter ist ein ganz logischer, Produktivität. Statt stundenlangen Diskussionen unter Gleichgestellten ist es wirtschaftlich einfach vorteilhafter jemanden zu haben der die Befehlsgewalt, damit aber natürlich auch die Verantwortung hat. So jedenfalls die Theorie.

In meinem speziellen Fall geht es um folgendes, du (und mit “du” meine ich “ich”, mit “du” schreibt es sich aber besser) bist also in diesem Start-Up, in dem alle mehr oder weniger auf einer Höhe stehen was die Stellung angeht. Es gibt den Chef, klar, der Rest, vor allem die Mitarbeiter mit denen du viel zu tun hast, sind aber alle gleichberechtigt, gleichwohl natürlich jeder sein eigenes Spezialgebiet hat. Dann kommt der oben genannte Tage, plötzlich hast du das Organigramm der Firma in deinem Postfach, plötzlich stehen Leute über dir und unter dir. Du (unt damit meine ich immernoch “ich”) nimmst das relativ locker, dir hat sowas noch nie viel bedeutet (dazu unten aber noch mehr), die Tage ziehen dahin und die Arbeit läuft fast wie gewohnt weiter. Irgendwann jedoch merkst du, wie sich manche die neue Struktur mehr zu Herzen nehmen, langsam aber sicher ändern sie vielleicht ihre Umgangsformen, ihr Verhalten, und irgendwann kommt der Tag an dem der Kollege mit dem du dich vor zwei Wochen noch bestens verstanden hast eine Entscheidung trifft, etwas tut, was dir plötzlich vor Augen führt wie sehr er sich doch verändert hat. Das könnte natürlich vieles sein, in meinem Fall geht es aber nicht um eine rein wirtschaftliche Entscheidung, sondern um etwas was dich persönlich betrifft, etwas was man gemeinhin vielleicht als unkollegial bezeichnen würde. Nehmen wir mal als ganz dämliches Beispiel dass du einen Tacker oder sowas von der Arbeit mitgehen lässt, irgendetwas was der Firma auf jeden Fall nicht wirklich schadet. Der Kollege, der darüber vor zwei Wochen, als ihr noch mehr oder weniger auf einer Stufe standet, hinweggesehen hätte, klagt dich nun öffentlich beim Chef an, er verpetzt dich quasi.

Jetzt die Frage, warum? Eine Möglichkeit wäre dass er sich tatsächlich verändert hat. Es ist vielleicht das neu entstandene Pflichtbewusstsein gegenüber der Firma, das ihn so handeln lässt. Mit der neuen Position fühlt er sich nun auch für mehr verantwortlich und hat seine Prioritäten neu gesteckt. Könnte sein. Eine weitere Möglichkeit könnte sein, dass er die Ansichten schon immer hatte, sich bisher nur nie in der Stellung sah diese auch offen auszudrücken. Während er sich seinen Teil davor dachte, nach außen aber nur seinen Befugnissen nach gehandelt hat, so fühlt er sich mit der neuerdings fest definierten Struktur in der akzeptableren Lage so zu handeln wie er es auch schon davor gerne getan hätte. Vielleicht hat sich da sogar einiges angestaut, wer weiß.

Möglich wäre aber auch, und da wird es für mich eigentlich erst interessant darüber nachzudenken, ist dass er sich gar nicht verändert hat, vielleicht liegt es an mir, vielleicht bewerte ich seine Entscheidungen, jetzt wo er über mir steht, anders, verurteile mehr, sehe es kritischer, weil ich generell das Handeln von höher gestellten Menschen negativer bzw. kritischer sehe als das von Menschen niedrigerer Position. Ich denke das ist eine weit verbreitete Denkweise. Fährt meine Mutter 20 km/h zu schnell und wird geblitzt sage ich “Hey, da bin ich nicht besser, kann mal passieren”, tut das aber Angela Merkel steht sie morgen in der Bild-Zeitung mit der Überschrift “Deutschland von Verkehrssünderin regiert” und die halbe Nation regt sich darüber auf.

Denke ich vielleicht so? Mein Verhältnis zu Autoritäten war schon immer zwiegespalten, für mich war was auf dem Papier stand noch nie Gesetz. Lehrer, Polizisten oder der Bürgermeister, alle waren Dus, nie Sies, und hatten mir nicht mehr zu sagen als irgendein dahergelaufener Hampel im Clownskostüm. Das hat sich bis heute nicht geändert, was ich von den Menschen halte und wie ich sie behandle hat nichts damit zu tun was vor ihrem Namen oder auf ihrer Dienstmarke steht, oder wie alt sie sind. Das große Schlagwort ist da Respekt. Wer von mir wie behandelt wird hängt davon ab wie er sich mir gegenüber verhält, was er kann, was er sagt und was er denkt, und alle fangen auf der gleichen Stufe an. Ein guter Freund der mir sagt ich soll die Schnauze halten wird damit mehr erreichen als ein Polizist der sich benimmt wie ein Trottel, eine Tatsache die mich in meiner Vergangenheit schon das ein oder andere Mal in Schwierigkeiten gebracht hat. Cholerische Lehrer deren Wissen ich auch komplett aus dem Schulbuch lesen konnte hatten mir nichts zu sagen, während welche die sich für ihr Thema begeisterten und die mich gleichgestellt behandelten stets mehr als ein offenes Ohr bei mir fanden. Menschen die das anders sehen sind für mich meist sofort unten durch. Jemand, dem ich anmerke, dass er mich, durch seine Position mir gegenüber, nicht als gleichwertig behandelt, wird von mir gnadenlos boykottiert, und ich habe einen Heidenspaß daran ihn, bzw. seine Position, ganz offen zu untergraben. Denn das ist für mich die wahre Respektlosigkeit. Weswegen sollte ich Menschen respektieren, von denen ich außer ihrem Titel nichts weiß? Ein Grundrespekt vor jedem fremden Menschen ist natürlich da, behandle jeden so wie du auch behandelt werden willst trifft es in der Praxis ziemlich gut.

Respekt bekommt niemand geschenkt, für mich müssen ihn sich die Menschen erarbeiten, und das hängt immer von der jeweiligen Persönlichkeit ab, im Beruf aber vor allem auch durch die Fähigkeiten. Mir ist egal ob irgendwo steht wer befugt ist die Entscheidungen zu treffen, ich lasse denjenigen entscheiden der am meisten Ahnung von der Materie hat. Und da bin ich großer Zweifler an der oben erwähnten pyramidisch aufgebauten Hierarchieform, die zwangsweise am Ende immer Menschen Entscheidungen fällen lässt, die in den Gebieten wo sie gefällt werden müssen weniger Fachwissen haben als manche Unterstellte. Prinzipiell könnte das funktionieren, aber nur in der Utopie in der diese Menschen tatsächliche Objektivität an den Tag legen könnten, in der sie sich auf kompetentere Leute verlassen würden, was das ganze System aber sowieso wieder mehr oder weniger hinfällig machen würde. Das Problem ist dass es oft nicht die Menschen mit dem meisten Fachwissen sind, die im Organigramm weit oben stehen, sondern die die dort über einen anderen Weg reingerutscht sind, oder einfach weil sie gut reden und sich gut verkaufen können, beides Fähigkeiten die meiner Erfahrung nach so gut wie nie proportional zur tatsächlich Kompetenz wachsen, eher umgekehrt. Oft werden auch organisatorische Kompetenzen mit inhaltlichen verwechselt, bzw. mehr auf ersteres geachtet.

Gut Björn, jetzt hast du dich wieder in ein Thema verrannt in das du gar nicht hinein wolltest. Hierarchien. Also: habe ich ein Problem mit Autoritäten? Mit Befehlsketten? Ich glaube nicht, jedenfalls nicht mit meiner Meinung nach logischen, die nach echten Fähigkeiten und Kompetenzen aufgebaut sind. Komme ich als Frischling in eine Firma und arbeite mit jemandem der schon 20 Jahre Erfahrung in dem Gebiet hat würde ich sicher seine Entscheidungen nicht blindlings alle als Mumpitz abtun. Hat mein Chef aber noch nie etwas mit meinem Gebiet zu tun gehabt und will mir trotzdem sagen was ich zu tun habe, dann, verdammt, dann ja.

Kommen wir mal zum ursprünglichen Thema zurück. Können Positionen Menschen verändern? Die Antwort ist prinzipiell klar, ja, natürlich können sie das. Macht bedeutet Freiheit, und Freiheit bedeutet Dinge tun zu können die man davor nicht tun konnte. Ob die Macht echt ist, oder nur durch den Titel oder die Stellung suggeriert wird, spielt dabei keine Rolle, wer daran glaubt handelt auch danach, und jeder der eine bestimmte Stellung in einem System hat neigt auch dazu daran zu glauben. Das ist die große Gefahr die damit einher geht, man bleibt so lange Zweifler des Systems bis man selbst Teil davon ist. Wie schnell und radikal man sich dahingehend verändern kann zeigt wohl das Stanford-Prison-Experiment ganz anschaulich.

Die Frage, ob der Mensch, in meinem speziellen Fall, auch schon früher so gehandelt hätte, sich aber nicht in der Position dafür sah, oder erst jetzt die neugewonnene vermeintliche Verantwortung sah so zu handeln, ist allerdings immernoch nicht beantwortet. Auch nicht die Frage nach seinen eigentlichen Beweggründen. Vielleicht ist der Grund ja auch ein ganz anderer, ich weiß es nicht. Ich werde wohl einfach nachfragen müssen. Menschen können manchmal so fürchterlich kompliziert sein.



    Kommentare:

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  1. HerrSchuh meint:


    dem ist absolut nichts mehr hinzuzufügen^^


    2. Februar 2010 um 14:22 Uhr | #

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