Vor ein paar Tagen stand ich nachmittags im Edeka vor dem Regal mit den Fertiggerichten. Nudeln, Reis, Gemüse, mit oder ohne Fleisch, in Plastikbechern, Tüten oder Dosen, für die Mikrowelle, den Herd, das Wasserbad oder den Ofen, die Auswahl war enorm. Schmeckt alles zu schlecht um es länger als zwei Tage hintereinander zu essen, aber immernoch gut genug dass man hin und wieder mal zugreift.
Ich bin ja auch kein Neuling was Fertiggerichte angeht, das meiste kenne ich schon und habe es zumindest mal probiert, und weil mir so danach war schweiften meine Blicke von links nach rechts und wieder zurück, auf der Suche nach etwas Neuem, etwas was ich noch nie hatte. Da waren sie, die Spirli-Nudeln mit Fleischklößchen, sie sprangen mir förmlich ins Auge. Gerade als ich die Hand ausstreckte um mir eine Dose zu greifen erinnerte ich mich daran, dass mir erst vor kurzem ein Kollege von genau diesen Nudeln mit genau diesen Fleischklößchen abgeraten hatte.
Zwei Mal sogar. Dennoch, irgendetwas trieb mich an die Nudeln trotzdem zu probieren, und das gab mir zu denken.
Unser Leben ist voll von guten Ratschlägen. Das fängt in der Pubertät an, in der man mit dem Sex laut den Eltern lieber noch warten sollte, zieht sich durch die Mitte unseres Lebens in der wir von unseren Freunden geraten bekommen welchen Job wir am besten annehmen sollen, und endet mit unseren Enkeln die uns sagen welches Computerspiel man auf keinen Fall spielen darf, weil man sonst uncool ist. Überall gibt es Menschen die schon erlebt haben was wir noch nicht kennen, die wissen was wir gerade erst im Begriff sind zu erfahren, und sie alle vermögen uns blendend zu beraten.
Dennoch, es gibt Dinge und Fehler, die macht jeder Mensch aufs Neue, trotz aller guten Ratschläge. Nicht dass wir den anderen nicht glauben, nicht dass wir meinten sie hätten unrecht oder ihre Sicht sei falsch, wir stimmen ihnen zu und machen dennoch genau die gleichen Erfahrungen, erleben genau das wovor wir gewarnt wurden, und ziehen daraus die gleichen Schlüsse die uns schon davor so weise dargelegt wurden. Würde uns die Reinkarnation Buddhas höchstpersönlich von einer miserabel schmeckende Schwarzwälder Kirschtorte abraten, wir würden trotzdem ein Stück probieren, nur um ganz sicher zu gehen.
Da fällt mir das Prinzip der zwei Realitäten ein, der allgemeinen, allumfassenden, und der unseren, subjektiven Realität. Während Tatsachen für die allgmeine Realität längst ergründet und festgelegt wurden, heißt das nicht dass diese auch für unsere individuelle Realität gelten. Der Baum im Wald fällt um, wir allerdings sitzen dabei gerade vor dem Fernseher und schauen Greys Anatomy, also hat es den Baum für uns nicht mal gegeben. Ob er umgefallen ist oder nicht ist irrelevant, er hat in unserer Welt nie existiert, nicht den Hauch einer Sekunde, genau wie der schlechte Geschmack der Schwarzwälder Kirschtorte.
Das Gleiche ist es mit den Erfahrungen die wir machen. Ein Tip oder ein Ratschlag, von einem guten Freund ausgesprochen, kann vieles bedeuten und wichtig sein, allerdings nie so sehr wie die Erfahrung die wir selbst gemacht haben. Erst was wir selbst erleben und durchmachen ist für unsere individuelle Welt real, alles andere mag zwar stimmen, ist aber, genau wie der Baum, nur in der allgemeinen Realität von Bedeutung und hat dementsprechend relativ wenig Einfluss auf unser Leben. Man glaubt nur was man selbst sieht, man fühlt nur was man selbst fühlt, und man weiß nur was man selbst gelernt hat, was zwar überspitzt ist, aber dennoch im Groben der Wahrheit entspricht. Würden wir die ganzen Ratschläge und Weisheiten anderer Menschen tatsächlich beachten, ohne es selbst erlebt zu haben, wären wir wohl alle bessere Menschen, eine bessere Rasse, und kämen dem Bild eines perfekt funktionierenden intelligenten Wesens wohl um einiges näher als wir es in Wirklichkeit tun.
Doch der Mensch ist hauptsächlich was er selbst ist, nicht das Produkt der aufsummierten Erfahrungen aller anderen Menschen.
Darum machen wir Fehler und Fehler und Fehler. Darum haben wir zu früh und mit der falschen Person Sex, darum haben wir die falschen Jobs, darum sind wir so uncoole Großeltern, und darum griff ich an diesem Tag zum ersten und gleichzeitig letzten Mal zu den Spirli-Nudeln mit Fleischklößchen, die tatsächlich beschissen schmeckten. Aber jetzt bin ich mir wenigstens sicher.
Right? Right?
Glotzkind Blog
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Kommentare:
[Abonnieren]oi, das zwei-realitäten-prinzip hast du von mir geklaut du sack!
und ich muss zugeben dass ich auf die spirlinudeln schon mehr als einmal reingefallen bin, da sie auf der verpackung doch recht anmutig ausschauen, doch jedes mal wird man wieder von dem inhalt enttäuscht…
ist das nicht fast immer so im leben?
naja ein problem is doch auch, dass man die unterschiedlichsten und nicht selten gegensätzlichsten ratschläge bekommt…. wie soll man sich nun entscheiden? tjo eben man probierts selber aus…