Außer an den Tagen an denen ich mit dem Longboard zur Arbeit fahre, führt mich mein Weg sonst immer über einen Friedhof. Gerade jetzt im Frühling kommt es mir dort vor wie in einer anderen Welt. Die Bäume schirmen mit ihren grünen Blättern den Großstadtlärm ab, die Sonne blinzelt durch sie hindurch und wirft helle Flecken auf die Grabsteine und Gräber, die jetzt mit unzählen bunten Blumen übersät sind. Löwenzahn sprießt überall, ohne dass ihn jemand jemals angepflanzt hätte. Die alte, verfallene Mauer rings herum, der große Brunnen in der Mitte, die kleine, etwas erhähte Kapelle am Rand, die alten Bänke an den Wegen, wenig erinnert mehr an die große moderne Stadt.
Es kommt mir immer so vor, als würden die meisten Menschen den Friedhof meiden, was aber sicherlich eher daran liegt dass sie es als unangemessen betrachten, ihn einfach als Weg zu benutzen. Wer dort keinen Toten kennt fühlt sich sicherlich deplatziert. Sowieso sind 95% der Leute die sich dort aufhalten schon selbst in einem Alter, in dem sie sich langsam an den Gedanken gewöhnen müssen auch bald dort zu liegen. Es ist als bräuchte man eine Eintrittskarte für den Friedhof, entweder man kennt wen der dort schon ins Nirvana übergetreten ist, oder man liegt selbst bald dort, und inspiziert schonmal die Örtlichkeiten.
Obwohl es mir gar nicht mal so sehr auffällt, so viel habe ich wohl schon lange nicht mehr über den Tod nachgedacht. Irgendwie ist es ja ein nimmer gut werdendes Problem, dem sich jeder irgendwann mal stellen muss. Jeder Mensch weiß zwar um die Unabänderlichkeit seines Schicksals, trotzdem scheinen wir uns dessen nie vollkommen bewusst zu werden, und so strampeln, keifen und tun wir alles um es so lange wie möglich herauszuzögern. Meistens jedenfalls. Vielleicht liegt es in der Natur des Menschen, alles so lange zu verdrängen, bis es nicht mehr anders geht, da man sonst jede freie Minute mit dem Gedanken daran verschwenden würde, und sich somit das Leben selbst zur Qual machen würde. Vielleicht ist es auch gar nicht möglich, mit etwas so abstraktem und unfassbarem ins Reine zu kommen, sich damit abzufinden. Das ist als wäre es möglich sich die Aufregung vor dem nächsten Bewerbungsgespräch, oder dem nächten Date zu nehmen – ein Ding der Unmöglichkeit also
Also was tun? Verdrängen? Versuchen zu akzeptieren? Wissend durchs Leben schreiten? Vielleicht macht das Wissen des nichtig Sein alles leichter, vielleicht aber auch alles sinnloser. Vielleicht ist der Tod auch nur eine Erfahrung, aus der wir mal wieder klüger als davor herausgehen. Vielleicht aber auch nicht.
Der Tod kann aber auch das einzige sein, was das Leben lebenswert macht, oder mit Sinn erfüllt. Denn was wäre schon ein Film ohne Ende? Wir kommen um zu gehen, und um das beste aus dem was dazwischen liegt zu machen.
Dass alle Filme ein Ende haben weiß jeder, langweilig oder sinnlos macht sie das trotzdem nicht, denn es ist die Geschichte zwischen dem Anfang und dem Ende, die wichtig ist.
Glotzkind Blog
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