Tu was!!

22. Februar 2008 - 01:28 Uhr | 1 Kommentar

Da gibt es diese Stimme in meinem Kopf. Diese Stimme, die ständig und andauernd zu mir ruft “Tu was!! Tu was!!”. Teilweise ruft sie nicht nur, sie schreit sogar. Nur leider höre ich sie so gut wie nie.

Morgens klingelt der Wecker, ich hasse den Wecker, ich hasse es aufzustehen wenn das Bett so warm und das Zimmer drumherum so kalt ist. Ich springe ins Bad, putze mit die Zähne, gehe aufs Klo und danach duschen. Ich denke daran wie sehr ich es hasse morgens aufzustehen, und wie schön es jetzt gewesen wäre einfach weiterzuschlafen. Ich höre die Stimme nicht.

Ich laufe zur Arbeit und höre Musik, fahre mit der U-Bahn oder mit dem Bus und lese ein Buch, reibe mir manchmal noch den Schlaf aus den Augen oder wundere mich darüber wie ungewöhnlich gut gelaunt ich für diese Uhrzeit schon bin. Ich sehe mir die Menschen an, wenn sie mich ansehen denke ich darüber nach wieso sie mich so anstarren, wenn sie gerade wegsehen starre ich sie an. Manchmal höre ich die Stimme, aber nur ganz leise.

Ich bin bei der Arbeit. Ich schneide Videos, beantworte E-Mails, surfe im Netz, überlege was ich zum Mittagessen kaufe, chatte im Skype, rede mit Kollegen, lache mit Kollegen, ärgere mich über Kollegen, lerne Menschen kennen und vergesse sie wieder, spiele an Kameras herum, nehme Sachen damit auf und ärgere mich danach darüber wie schlecht sie geworden sind. Ich höre die Stimme nicht.

Wieder zuhause bin ich froh endlich angekommen zu sein, und ärgere mich gleichzeitig darüber wie spät es schon ist. Ich ärgere mich über das Chaos in meiner neuen Wohnung, räume sie aber nicht auf. Ich ärgere mich über meine leere Küche und meine nicht vorhandenen Vorhänge vor dem Fenster, doch ich schreibe mir weder einen Einkaufszettel für die Küche, noch messe ich die Breite des Fensters für die Vorhänge. Ich stolpere über den Ordner den ich gekauft habe um meinen Miet- und andere Verträge darin abzuheften, und lasse ihn liegen. Ich höre Musik, schaue Filme oder Serien, lese Artikel, surfe im Internet, rede mit Menschen, telefoniere mit Menschen, treffe mich mit ihnen in der Kneipe und betrinke mich, schimpfe über die Arbeit und über alles und über meine leere Küche.

Oft höre ich die Stimme, manchmal leise, manchmal aber auch unangenehm laut, über den Tag, über die Wochen, über die Monate und über die Jahre aufgestaut, ich höre sie so laut dass ich manchmal sogar ihren Rat befolge, wirklich etwas tue, mich wohl dabei fühle, Spaß dabei habe, und danach stolz darauf bin was ich geschafft habe. Kurzzeitig fühle ich mich wie ein anderer Mensch, glaube tatsächlich zu wissen was ich wirklich will, bin zufrieden mit mir selbst und wünsche mir immer so sein zu können, jeden Tag, jede Minute, ich wünsche mir dass die Stimme stark genug ist damit ich sie immerfort hören kann.

Ist sie aber nicht. Es ist 3 Uhr morgens, und ich bin müde, zu müde um mich noch auf diesen seltenen Gast in meinem Alltag konzentrieren zu können. Ich bewundere die Menschen die so sind, die auf diese Stimme hören und danach handeln, jeden Tag, und gleichzeitig hasse ich mich selbst dafür nicht so zu sein.

Und dann, dann frage ich mich ob diese Stimme überhaupt real ist, ob es diese Stimme wirklich gibt, oder ob sie nur Einbildung ist, ob ich sie mir nur vorstelle, der schwache Versuch so etwas wie Ambitionen, Motivation, Ziele, Prozesse, und nicht nur Träume, in mein Leben zu bringen. Denn wie, das frage ich mich, kann etwas real sein, bei dem ich mich selbst schon zwingen muss es zu sehen, es wahrzunehmen, und es wirklich zu hören. Ich weiß, ich will dass die Stimme real ist, ich will sie hören, wünsche mir das viel öfter zu tun, wünsche mir ein Mensch zu sein der nicht in den Tag hineinlebt, der etwas will, der es immer will, nicht nur kurz mal zwischendurch. Jemand der den Alltag, die Ablenkung, zwischen rein schiebt, zwischen seine langfristigen Pläne, und nicht umgekehrt.

Wäre sie echt, würde ich sie nicht immer hören? Oder lasse ich mich einfach zu sehr von den Eindrücken drumherum ablenken. Ist es vielleicht ein fließender Übergang? Kann ich mich verändern, kann ich irgendwann so sein, so wie es viele in meinem Alter schon sind? Oder werde ich für immer so bleiben?

Wird die Stimme vielleicht nie die Oberhand gewinnen, und mich auf den richtigen Weg führen? Wird sie immer zwischen Einbildung und wager Vorstellung schwanken? Wird sie es irgendwann schaffen mich zu überzeugen?

Ich hoffe ja. Denn sonst bleibt alles wie es ist. Und ich gehe ins Bett, und ich weiß, morgen ist sie wieder weg, meine geliebte Stimme.



    Kommentare:

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  1. Anonymous meint:


    es ist früh am morgen. aber nicht zu früh für diese eine stimme in meinem kopf. “Tu was!” schreit sie und wie immer höre ich auf sie. produktiv stehe ich auf, mache mir ein sehr grosses frühstück.
    beim essen höre ich sie wieder schreien “Tu was” und ich gehe zur arbeit.
    “Tu was” “Tu was” “Tu was”.
    ich arbeite. briefe sortieren. da mit dem neuen, gerade erst gelernten programm umgehen. da an meinem auftrag weiter arbeiten. rennen. von fleck zu fleck von kollege zu meinem pc.
    immer höre ich auf meine stimme die ununterbrochen schreit.
    abends liege ich dann völlig geschafft in meinem bett. eigentlich würde ich gerne noch etwas schauen oder im internet surfen aber ich habe den ganzen tag getan.
    manchmal wünschte ich mir ich würde ein wenig gemütlicher durch den tag gehen. nicht immer auf diese stimme hören. einfach ein wenig mehr gammeln.
    ich beneide die menschen die das können und wünschte irgendwann dieses stimme auch nicht mehr so oft hören zu müssen.
    hoffentlich schaffe ich das. sonst bleibt alles so wie es ist und ich gehe ins bett und weiß, morgen kommt diese stimme wieder, meine geliebte stimme.


    22. Februar 2008 um 17:53 Uhr | #

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